undefinedSo sehr ich diesen Wunsch auch verstehe und auch selbst teile, eine Unabhängigkeit von US-IT-Produkten ist illusorisch. Wir können ein halbes Jahrhundert mit systematischem Aufbau von Abhängigkeiten nicht mal eben schnell korrigieren. Ich finde es ebenfalls gut und auch wichtig, eine Souveränität herzustellen, aber der Weg ist viel weiter, als uns Politiker, Datenschützer, Blogger und Influencer weißmachen möchten. Wie komme ich zu so einer Einschätzung?

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Infrastruktur und Internet

Die Hardware, mit der europäische Netzwerke heute betrieben werden, stammt vor allem von Cisco, Juniper Networks, Ciena oder Nokia (US-Tochter). Es sind sicher noch weitere US-Anbeiter beteiligt. Ohne deren Hardware und Software würde hier gar nichts funktionieren.

Der DNS-Service (Domain Name Service) ist heute unter voller US-Kontrolle. Die ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) koordiniert die globale Verwaltung der DNS-Root-Zone (die oberste Ebene des DNS) und die Vergabe von Top-Level-Domains (TLDs) wie .com, .org, .de etc. Die ICANN verwaltet auch das Root-Zone-File (die Liste aller TLDs und ihrer zugehörigen Nameserver) und entscheidet über Änderungen oder neue TLDs. Sie untersteht einem Vertrag mit der US-Regierung (über das NTIA, National Telecommunications and Information Administration). Formal hat die US-Regierung aber weiterhin Aufsicht über ICANN (z. B. durch den "IANA-Funktionsvertrag").

Die (Internet Assigned Numbers Authority) IANA ist eine Abteilung von ICANN und verwaltet die technischen Parameter des DNS, wie die Zuweisung von IP-Adressblöcken und die Pflege der Root-Zone. Der aktuelle Stand der Root-Zone wird von IANA gepflegt und an die 13 Root-Nameserver weltweit verteilt. Sie untersteht ebenfalls der US-Regierung und der US-Rechtssprechung.

Von den 13 logischen Root-Nameservern (A bis M) werden 10 direkt von US-amerikanischen Organisationen kontrolliert. Nur RIPE NCC (Niederlande) und das WIDE Project (Japan) sind nicht in US-Kontrolle. ABER: Selbst wenn ein Root-Server außerhalb der USA steht (z. B. K in Amsterdam oder M in Tokyo), folgen alle Root-Server den offiziellen Daten der IANA/Verisign-Root-Zone. Eine Abweichung wäre ein Bruch des DNS-Standards und würde zu globalen Konnektivitätsproblemen führen.

In der Praxis liegt die Kontrolle über die eingesetzte Hardware, die DNS-Infrastruktur, die IP-Adressenvergabe und die Root-Zone damit fast vollständig in US-amerikanischer Hand. Sich hier zu lösen, ist ein unglaublich weiter Weg, über den kaum gesprochen wird.

SSL-Zertifikate und sicheres Internet

Die meisten Webseiten sind heute mit SSL/TLS geschützt (https://). Dafür müssen vom Betreiber der Seite SSL-Zertifikate genutzt werden. Diese werden heute entweder gekauft (diese Nutzung nimmt stark ab) oder man nutzt den kostenlosen Dienst von LetsEncrypt.  Die Abdeckung durch LetsEncrypt übersteigt inzwischen die Marke von 80% der Webseiten (Quelle). Let’s Encrypt wird von der ISRG (Internet Security Research Group) betrieben, einer US-amerikanischen Non-Profit-Organisation mit Sitz in Kalifornien. Die ISRG unterliegt US-Recht (z. B. kalifornischem Gesellschaftsrecht und Bundesgesetzen wie dem CLOUD Act). Damit haben wir nicht nur eine massive Dominanz von LetsEncrypt. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Verschlüsselung auf Anordnung der US-Regierung ausgesetzt wird oder umgangen wird, ist vorhanden. Wenn LetsEncrypt morgen die Erneuerung von SSL-Zertifikaten an EU-Webseiten verweigert, ist in wenigen Wochen keine Webseite aus der EU mehr im Internet erreichbar.

Alternativen wären zum Beispiel Actalis aus Italien oder Buypass aus Norwegen. Aber diese sind bisher kaum in Erscheinung getreten und führen eher ein Nischendasein. Weiterhin wurde Buypass erst vor kurzem durch ein kanadisches Unternehmen gekauft (Quelle). Die Zusammenhänge sind undurchsichtig.

Handys und mobile Nutzung

Für Apple-Geräte stehen aktuell keine nennenswerten Alternativen zur Verfügung. Mit GrapheneOS, e/OS, LineageOS und anderen gibt es zumindest alternative Android-Forks. Meist aber eingeschränkt auf wenige unterstützte Geräte. So unterstützt das am weitesten verbreitete Alternativ-Betriebssystem GrapheneOS aktuell nur amerikanische Google-Pixel-Geräte. Und die Nutzer von diesen Betriebssystemen sind meist deutlich eintgeschränkt: Apps der Hausbank funktionieren möglicherweise nicht, die Funktion für kontaktloses Bezahlen geht in den wenigsten Fällen und auch an anderen Stellen lauern Probleme.

Fakt ist, dass es nur sehr wenige europäische Anbieter für Mobilgeräte gibt. Angeblich bauen Gigaset (Deutschland), HMD Global (Finnland) und Punkt. (Schweiz) Mobilgeräte, aber mit Komponenten aus Japan, China und den USA. Ein rein europäisches Produkt gibt es nicht. Fairphone entwickelt zwar in der EU (Niederlande), aber die Geräte werden in China gebaut. Ebenfalls mit Komponenten aus Japan, China und den USA.

Bei der Nutzung von mobilem Internet gibt es also an den USA und anderen Ländern wie China, Japan und Südkorea keinen Weg vorbei. Das lässt sich auch so schnell nicht ändern. Das Know-how ist in Europa meist nicht mehr vorhanden oder es fehlt das Investitionsgeld, um in Europa zu produzieren.

Software für Softwareentwickler

Softwareentwickler erstellen die Apps und Programme für die Geräte, die wir nutzen. Jede Handy-App ist durch einen Entwickler programmiert. Und dafür nutzt er Werkzeuge. So stellt Google für die Erstellung von Android-Apps beispielsweise die Werkzeuge "Android Studio" und die Programmiersprache "Kotlin" zur Verfügung. Auch die Apps, die am Ende auf GrapheneOS oder /e/OS laufen sollen, werden durch diese Werkzeuge erzeugt. Und diese Werkzeuge sind zu einem großen Teil unter voller US-Kontrolle. Sogar die Auslieferung von Android Studio an EU-Nutzer könnte die US-Regierung auf Grundlage der Export Administration Regulations (EAR) unterbinden. Das selbe gilt für den Zugriff auf Entwickler-Bibliotheken auf GitHub (ein Microsoft-Unternehmen, auf dem ein Großteil des benötigten Quellcodes gehostet wird). Von den nötigen Treibern für die Hardware mal abgesehen, die häufig gar nicht als Quellcode zur Verfügung steht. 

In Kurz: Ohne Software-Tools und Bibliotheken aus den USA ist kein europäischer Entwickler in der Lage, neue Software für ein eventuelles europäisches Handy zu programmieren oder bestehende Software zu aktualisieren.

Software für Unternehmen und Endnutzer

Windows ist ein zu 100% amerikanisches Produkt. Es untersteht ebenfalls dem Willen der US-Regierung. Wenn diese eine Order an Microsoft gibt, nicht mehr an EU-Unternehmen zu liefern oder Updates zu verteilen, dann haben wir alle ein Problem. Und ja, mit Linux steht ein alternatives Betriebssystem zur Verfügung. Als langjähriger Nutzer von Linux bin ich inzwischen überzeugt, dass Windows ersetzbar ist. Auch für Office und Teams stehen passende Alternativen zur Verfügung. Hier ist ein gewisser Grad an Unabhängigkeit durchaus machbar (hurra!).

Das Problem ist aber mehr die verfügbare Software. Die in den meisten Unternehmen eingesetzte Software für CAD, Warenwirtschaft, Steuer und Buchhaltung etc. ist zumeist nur für Windows erhältlich. Was nützt mir der tolle Linux-Arbeitsplatz, wenn es die nötige Software nicht für Linux gibt? Man liest immer wieder von möglichen Alternativen. Ja, die gibt es manchmal. Aber nicht immer mit dem benötigten Funktionsumfang, der nötigen Anbindung und Kompatibilität oder schlicht nicht der nötigen Professionalität.

Und dann kommen noch Lieschen Müller und Hans Schmidt. Wir haben einen unglaublich hohen Anteil Nutzer die zu keiner Änderung mehr bereit sind. Ein Umlernen von Outlook auf Thunderbird oder Microsoft Word auf LibreOffice Writer sind teilweise unüberwindbare Hürden. Egal wie gut und toll die neue Software ist. Es fehlt in ganz vielen Fällen auch schlicht der Wille. Dagegen kommt man nur ganz schwer an...

Tatsächlich sind wir heute zu einem großen Teil von US-Software abhängig. Ein Wechsel von Windows und Office zu Alternativen ist eine gute Sache. Aber so lange die Hersteller von Standard-Software nicht mitziehen, sehe ich da nur wenig kurzfristigen Erfolg. Der Druck muss durch die Kunden (Nutzer) entstehen. Erst dann wird sich etwas verändern. Vielleicht hilft es tatsächlich, wenn Regierungen wie in Frankreich die Abkehr von Microsoft als offiziellen Weg propagieren. Ich hoffe es sehr!

Fazit

Eine kurzfristige Abkehr von den USA in der IT ist eine Unmöglichkeit. Selbst mittel- und langfristig ist es sehr unwahrscheinlich, dass wir eine Souveränität schaffen, die man so nennen kann. Der oft zitierte Wechsel von Office oder Windows ist nur ein kleiner Schritt. Die echten Risiken liegen tatsächlich in den anderen oben genannten Punkten. Ständig wird das übersehen und wegignoriert. 

Eine Gigafactory für das KI-Training oder ein dezenter Wechsel zu Linux auf ein paar Servern bringt uns dem Ziel nicht wirklich näher. Es fehlt der EU-weite Masterplan, der alle Punkte deutlich nennt und klare Ziele vorgibt. Was wollen wir durch EU-Technologie ersetzen? Bis zu welchem Grad (Lieferkette)? Bis wann und welche Schritte sind dafür nötig? Und dann müssen sich am Ende alle darüber einig sein und das beschliessen. Wie wahrscheinlich das ist, darüber werde ich mich hier nicht auslassen.